Erziehung

 

Heute hat mich via Facebook ein Text der Huffington Post von Emma Jenner sehr nachdenklich gemacht. Für alle, die ihn lesen wollen habe ich ihn hier verlinkt.

 

Großteils waren die Kommentare der Leser auf Facebook alle sehr zustimmend, doch ich bin etwas anderer Meinung. Daher schreibe ich diesen Blogartikel.

 

Was ich extrem schade finde ist, dass wieder einmal die Diskussion um Erziehung in einem Befehlston geführt wird, beziehungsweise belehrende Sätze geschrieben werden, die gar keine Diskussion ermöglichen, sondern von einer einzigen objektiven Wahrheit ausgehen.
Meiner Meinung nach gibt es nur die subjektive Wahrheit jedes Einzelnen, und ich möchte gerne meine Ansichten mit euch teilen, und bin gespannt, was ihr dazu sagt.

 

Grundsätzlich wünsche ich mir beim Thema Erziehung vor allem einen wertschätzenden, offenen und respektvollen Ton, anstatt der leider oft üblichen Wertungen und Verurteilungen sowie der ausdrücklichen Einteilung in "richtig" und "falsch".

 

Meine Grundeinstellung ist dahingehend positiv, dass ich davon ausgehe, dass jeder Elternteil nach bestem Wissen und Gewissen und je nach den eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten das bestmögliche für ihr/sein Kind gibt. Weiters sehe ich in jeder Handlung eine zugrunde liegende Ursache, die nachvollziehbar ist, und nicht nur eine "Laune", sondern ein Bedürfnis oder einen dahinterstehenden Wert oder Grund, sowohl bei Eltern als auch bei Kindern.

 

 

Darauf aufbauend möchte ich euch kurz den Inhalt des Textes von Emma Jenner zusammenfassen (kursiv), so wie ich ihn verstehe, und dann meine persönliche Meinung dazu mit euch teilen:

 

1) "Wir haben Angst vor unseren eigenen Kindern"

"Wir wollen es unseren Kindern immer recht machen."

- Ich denke: Frau Jenner kommt zu dem Schluß, weil sie das Verhalten der Eltern beobachtet. Erstens ist eine Beobachtung meiner Meinung nach immer nur ein Ausschnitt des Ganzen, man sieht nur wie sich die Eltern in einem bestimmten Moment verhalten. Zweitens wird hier die Innenwelt (Gefühle, Gedanken, Tagesverfassung, usw.) sowie die Tatsache, dass Eltern und Kinder in der jeweiligen Situation beobachtet werden, vollkommen außer Acht gelassen. Also ist der Rückschluß nicht unbedingt zu 100% aussagekräftig.

 

2) "Wir haben zu niedrige Ansprüche"

"Wenn sich Kinder schlecht benehmen liegt das daran, dass wir Ihnen nicht gezeigt haben wie, und dass wir zu wenig von ihnen erwarten."

- Ich denke: Man kann hier schon einmal ewig darüber diskutieren, was gutes oder schlechtes Benehmen für jeden Einzelnen bzw. in konkreten Situationen bedeutet, und ebenso darüber warum wir uns wünschen, dass sich unsere Kinder "benehmen", oder warum wir das nicht so wichtig nehmen.

Außerdem denke ich, dass Eltern sehr wohl sehr hohe Ansprüche an ihre Kinder stellen, diese sind eben auch unterschiedlich und werden je nach Sichtweise dann als erfüllt oder nicht erfüllt eingestuft.

Also für mich persönlich ist diese Aussage nicht zutreffend und auch nicht allgemein zu sehen.

 

3) "Früher durften alle Erwachsenen ein unartiges Kind zurechtweisen und hatten das gemeinsame Ziel anständige Jungen und Mädchen großzuziehen."

- Ich denke: früher gab es andere Erziehungsmethoden, und Kinder mussten eher gehorchen, und ich bin sehr froh darüber, dass das heute nicht mehr so extrem gelebt wird. Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Vorstellungen von "artig" und "unartig" oder von "zurechtweisen", wobei ich persönlich allein diese Worte schon als unpassend empfinde. Außerdem denke ich, dass die Verantwortung bei den Eltern liegt und Außenstehende wirklich nur im Notfall eingreifen sollten, zB um einen Unfall zu verhindern oä, was sicher eher selten der Fall ist, und nicht nur deshalb, weil sie andere Wertvorstellungen haben als die Eltern der Kinder.

Außerdem gilt es für mich auch hier wieder den Grund des Handelns zu bedenken, und nicht nur auf das Verhalten an sich zu reagieren.

 

 

4) "Kinder müssen Geduld lernen."

- Ich denke: Kinder können alles lernen, sofern es in der Praxis erforderlich ist. Ich halte wenig davon künstlich Grenzen zu setzen oder extra Übungssituationen herbeizuführen, nur um den Kindern etwas beizubringen von dem wir denken, dass sie es unbedingt lernen müssten.

Und ich denke auch nicht, dass Eltern es sich allzu leicht machen, sondern oft sehr viele Überlegungen miteinbeziehen und sehr viel reflektieren.

 

5) "Eltern vernachlässigen ihre eigenen Bedürfnisse."

"Sie reagieren oft sofort auf die Launen des Kindes und verhindern immer, dass sich die Kinder unzufrieden fühlen. Dadurch könnten die Eltern sie zu arroganten, selbstsüchtigen, ungeduldigen und unhöflichen Menschen erziehen."

- Ich denke: Ja, Eltern stellen ihre Bedürfnisse oft hintenan, aber nicht immer. Es gilt eben je nach Situation abzuwägen, welches Bedürfnis "wichtiger" ist.

Launen gibt es meiner Meinung nach nicht, sondern immer einen nachvollziehbaren Grund für jedes Verhalten. Somit ist es auch gut darauf zu reagieren.

Und: es ist gar nicht möglich dafür zu sorgen, dass ein Kind nie unzufrieden ist. Und wenn man die Kinder und ihre Bedürfnisse ernst nimmt lernen sie auch mit negativen Gefühlen umzugehen. Wenn man empathisch mit den Kindern umgeht denke ich, werden sie ebenso leben.

 

Zum Abschluß schreibt Frau Jenner dann noch:

"Lassen Sie uns diese Kinder zusammen richtig erziehen und sie auf den Erfolg in der echten Welt vorbereiten. Nicht in der geschützten Umgebung, die wir für sie geschaffen haben."

- Ich denke: Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie freie, selbständig denkende, empathische, mit sich selbst und anderen verbundene Menschen sind und bleiben, und das kann man meiner Meinung nach eher durch vorleben dieser Werte erreichen, als mit der Durchführung von Aktionen, die ein bestimmtes Verhalten erzielen wollen, unter denen letztendlich nur die Beziehungsqualität leidet.

Und auch die geschützte Umgebung, die wir hoffentlich zu schaffen fähig sind ist die "echte" Welt, denn es gibt keine unechte. Außerdem gestalten wir und unsere Kinder die echte Welt selbst, im Idealfall aus der geschützten Umgebung heraus.

 

 

Mich würde jetzt interessieren:

 

Habt ihr den Text von Emma Jenner gelesen?

Wie habt ihr ihn empfunden?

 

Wie denkt ihr über die angesprochenen Themen?

 

Habt ihr Ideen, wie wir in Zukunft Erziehung und Familienleben

mehr miteinander gestalten könnten, als in Schubladen wie "falsch" und "richtig" einzuteilen und uns gegenseitig zu verurteilen,

wenn wir andere Werte vertreten?

 

 

Ich möchte euch noch den soeben entdeckten Artikel "Warum mein Sohn den blauen Becher bekommt, wenn er den blauen Becher haben möchte" von der-apfelgarten.de ans Herz legen, der mir sehr aus der Seele spricht, und für mich das positive Pendant zum Artikel der Huffington Post ist.

 


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